Februar 22, 2012

Wie war das 20. Jahrhundert für Wissenschaftlerinnen in Deutschland?

Die kurzen biografischen Darstellungen prominenter Frauen in der Wissenschaft, von Clara Immerwahr Haber, Ida Noddack-Tacke und Christiane Nüsslein-Volhard, genügen um eine Vorstellung von dem kulturellen Milieu zu erhalten, mit dem Wissenschaftlerinnen im letzten Jahrhundert zu kämpfen hatten um erfolgreich zu sein. Die Rolle der Ehe und die Schwierigkeiten, eine Wissenschaftlerin und gleichzeitig eine Mutter zu sein, werden aufgezeigt.

clara_immerwahrClara Immerwahr Haber wurde 1870 in Breslau (früher Teil Deutschlands, heute Wrocław in Polen) in einer jüdischen Familie der oberen Mittelklasse geboren. Clara Immerwahr war die erste Frau, die an der Universität Breslau promovierte. Sie erhielt ihre Doktorarbeit im Jahr 1900 in der physikalischen Chemie mit magna cum laude. Im Jahr 1901 heiratete sie den Chemiker Fritz Haber und wurde darauf schwanger. Ihr Sohn, Hermann Haber, wurde 1902 geboren. Gesellschaftliche Normen und ein Ehemann, der rücksichtslos seine eigenen Ambitionen in ihrem Ehe- und Familienleben priorisierte, hinderten sie weiterhin an ihren wissenschaftlichen Forschungen. Dennoch unterstützte sie ihren Ehemann, indem sie zu seiner Forschung beitrug und manche seiner Arbeiten ins Englische übersetzte, meistens blieb es ohne Anerkennung.

Clara war überzeugt, dass die Wissenschaft der Menschheit konstruktiv dienen sollte und so sprach sie sich vehement gegen die Giftgaskriegsführung aus und nannte sie „eine Perversion der Wissenschaft.“ Im April 1915 leitete Fritz Haber den ersten Giftgasangriff in der Militärgeschichte durch die Verwendung von Chlorgas gegen französische Truppen in Ypern, Belgien (obwohl dies gegen Beschlüsse der Haager Friedenkonferenz 1907 verstieß). Innerhalb von 10 Minuten waren die Hälfte der 10 000 Soldaten tot. Zwei Tage später war es gelungen mit noch einem chemischen Angriff mehrere tausend Soldaten zu töten (einige von ihnen waren Deutsche, weil die Verwendung von Gas nicht selektiv genug als Waffe funktionierte). Zwei Wochen später feierte Claras Ehemann als frisch beförderter Kapitän in voller Montur diesen Erfolg. Ein wütender Streit entstand zwischen ihnen, bei dem Clara ihn mit dem barbarischen Akt der chemischen Kriegsführung konfrontierte, und er sie des Verrats am Vaterland beschuldigte. In den frühen Morgenstunden, während Haber schlief, nahm sie seine Dienstwaffe, ging in ihren Garten und töte sich mit einem Schuss in ihr Herz. Haber kümmerte sich offensichtlich gar nicht um die Beerdigung und reiste noch am selben Tag, scheinbar unbeeindruckt von ihrem Tod, an die Ostfront, um eine weitere Gasfreisetzung zu beaufsichtigen. Keine Autopsie wurde vorgenommen, ein Abschiedsbrief verschwand, und über ihren Tod und ihre wissenschaftlichen Verdienste wurde nicht angemessen in der örtlichen Zeitung berichtet.

Am Ende des Krieges im Jahre 1918 wurde der Name Fritz Habers auf der Liste der Kriegsverbrecher veröffentlicht, aber das hielt die schwedische Akademie nicht davon ab, ihm den Nobelpreis für Physik (des Jahres 1918) für seine Arbeit an der Haber-Bosch-Synthese, der industriellen Synthese des Ammoniaks, zu verleihen. Wegen des Krieges wurden manche Nobelpreise erst nachträglich entschieden, angekündigt und verliehen. Und so ist Habers Nobelpreis erst 1919 angekündigt und verliehen worden. Trotz seiner Vaterlandsliebe musste er Deutschland wegen seiner jüdischen Herkunft verlassen. Er starb an einem Herzinfarkt im Jahre 1934, und seine Asche wurde mit der von Clara in Basel in der Schweiz begraben.

Auch Claras Sohn verließ Deutschland, emigrierte in die USA und beging im Jahr 1946 Selbstmord, offenbar weil er die Schande der Kriegsverbrechen seines Vaters nicht mehr ertragen konnte. Die Nazis haben die Gastechnologie Habers für die Gaskammern in Auschwitz weiterentwickelt, die tragischerweise das Leben vieler Mitglieder der Familie Haber nicht verschonte.


ida_noddackIda Noddack-Tacke
wurde 1896 in Lackhausen bei Wesel geboren. Im Jahr 1921 promovierte sie in Chemie an der Technischen Universität Berlin. Zwei Jahre davor bekam sie den ersten Preis in Chemie und Metallurgie zuerkannt. Sie war einer der ersten Wissenschaftlerinnen in der deutschen Industrie.

In Zusammenarbeit mit Walter Noddack (den sie ein Jahr später im Jahre 1926 heiratete) und Otto Berg entdeckte sie das Element Rhenium, eines der zwei fehlenden Elemente die Mendelejew in seinem Periodensystem der Elemente vorhergesagt hatte. Für diese Arbeit wurde sie dreimal für den Nobelpreis nominiert, aber erreichte ihn nicht. Im Jahr 1931 wurde sie mit ihrem Ehemann mit der Liebig-Gedenkmünze der Gesellschaft Deutscher Chemiker ausgezeichnet. Bis heute ist sie die einzige Frau, die diese Auszeichnung erhalten hat.

Sie gilt als die Marie Curie Deutschlands und war die erste, die den Prozess, der später als Kernspaltung benannt wurde, identifizierte. Im Jahr 1934 forderte sie Enrico Fermi (ein italienischer und später amerikanischer Kernphysiker, 1901-1954) heraus, als er behauptete, er habe Trans-Uran-Elemente erzeugt (künstliche Elemente, die schwerer sind als Uran), wenn das Uran mit Neutronen beschossen wurde. Ida meinte, dass er Isotope bekannter Elemente statt schwerer unbekannter Elemente produziert hatte. Fermi, der von Meinungen anderer Wissenschaftler unterstützt wurde, war nicht überzeugt von Idas Meinung. Diese wurde aber im Jahr 1938 von verschiedenen Wissenschaftlern bestätigt, von denen eine Lise Meitner war (in Österreich-geborene Physikerin, 1878-1968). Otto Hahn schrieb in seiner Autobiographie, dass Ida Noddack-Tacke tatsächlich Recht hatte. Fermi erhielt trotz dieser Tatsache im Jahr 1938 den Nobelpreis.

Zusammen mit ihrem Ehemann, bis zum Tode Walter Noddacks im Jahr 1960, arbeitete sie in drei verschiedenen Instituten. Gemeinsam haben die Noddacks etwa hundert wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Sie hatten keine Kinder. Laut einigen Quellen fiel es ihr schwer, dies zu akzeptieren. Ida wurden in ihrem Leben viele Auszeichnungen verliehen. Im Jahr 1968 zog sie in die kleine rheinische Stadt Bad Neuenahr, wo sie 11 Jahre später starb.


320px-christiane_nsslein-volhard_mg_4406Christiane Nüsslein-Volhard wurde 1942 in Magdeburg als zweites von fünf Kindern geboren. Beide Eltern stammten aus Familien mit vielen Kindern. Sie studierte Biochemie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und heiratete im Jahr 1967 den Physiker Volker Nüsslein. Nach Abschluss ihres Diploms im Jahr 1968 arbeitete sie am Max-Planck-Institut in Tübingen und promovierte dort bis 1973.

Ihre zehnjährige, kinderlose Ehe wurde 1977 aufgelöst. Im gleichen Jahr ging sie an die Universität Freiburg, um mit dem Insektembryologen Klaus Sander zu arbeiten. Ihre Arbeit mit Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster) hat ihr den Beinamen “Herrin der Fliegen” (nach dem Roman “Herr der Fliegen” von William Golding) eingebracht.

Seit 1985 ist sie als Direktorin des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen tätig und leitet dort auch die Abteilung Genetik. Im Jahr 1986 erhielt sie die renommierteste Auszeichnung der deutschen Forschung, den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Christiane erhielt mit Eric Wieschaus und Edward Lewis für ihre Forschungen über die genetische Kontrolle der Embryonalentwicklung 1995 den Nobelpreis für Medizin. 1998 gründete sie mit Peter Stadler (ein ehemaliger Manager der Bayer AG) und dem Genetiker Klaus Rajewsky eine biotechnologische Firma, Artemis Pharmaceuticals GmbH (seit 2008 Teil von Taconic Inc.), die auf die Entwicklung gentechnisch hergestellter Arzneimittel spezialisiert ist.

Zwischen 2001 und 2006 war Christiane Mitglied des Nationalen Ethikrats, der an der ethischen Beurteilung neuer Entwicklungen in den Lebenswissenschaften und deren Einfluss auf das Individuum und die Gesellschaft beteiligt ist. Sie hat auch mehrere Bücher geschrieben; in einem davon, Das Werden des Lebens: Wie Gene die Entwicklung steuern, macht sie das Thema für das Laienpublikum verständlich.

Christiane studierte mit großer Leidenschaft das Leben im Embryonalstadium und hat die deutsche Gesellschaft großartig bereichert durch die Gründung ihrer Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung im Jahr 2004, um junge begabte Wissenschaftlerinnen mit Kindern zu fördern und zu unterstützen.

Schließlich lässt sich sagen, dass die biographische Untersuchung von nur drei deutschen Wissenschaftlerinnen nicht unbedingt quantitativ ist, aber trotzdem ausreichend, um einen gültigen Einblick in die Themen zu geben, die als Hindernisse für die volle Entwicklung des wissenschaftlichen Potenzials deutscher Frauen im 20. Jahrhundert betrachtet werden. Diese drei Frauen sind aus den besten Wissenschaftlerinnen Deutschlands ausgewählt worden, sodass das vorige Jahrhundert gleichmäßig abgedeckt war.

Der wichtigste Faktor, der eine Auswirkung auf die Karriere von Wissenschaftlerinnen hat, ist die herrschende Politik. In dem Fall von Clara Immerwahr war es die Politik des Krieges, nämlich die Beteiligung des Deutsches Reiches im Ersten Weltkrieg (1914-1918). Als eine prominente Wissenschaftlerin wurde ihre pazifistische Grundhaltung ignoriert. Nicht nur ist die Politik in Deutschland ein Faktor, sondern auch die Politik der Wissenschaft außerhalb Deutschlands, insbesondere im Hinblick auf die internationale Anerkennung von Wissenschaftlern, zum Beispiel durch das Nobelpreis-Komitee.

Der zweite Faktor der identifiziert wird ist die Rolle der Ehe. In der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts war der Erfolg einer Frau nur durch einen unterstützenden (und wohl auch erfolgreichen) Ehemann möglich. Dies war der einzige Weg, um mit der Politik, die gegen die Förderung von Frauen bei der Verfolgung einer Karriere war, umzugehen. Noddack zum Beispiel hat den Erfolg seiner Frau ermöglicht, wo das Gegenteil für Haber galt. Und heute braucht eine Frau gar nicht verheiratet zu sein, um eine erfolgreiche Karriere zu haben, wie von Christiane Nüsslein-Volhard gezeigt wird.

Von den Frauen, die diskutiert wurden, hatte nur Clara Immerwahr ein Kind. Ihre wissenschaftliche Karriere endete, als sie Mutter wurde. Sowohl Noddack-Tacke als auch Nüsslein-Volhard hatten keine Kinder.

Es gibt einige europäische Länder z.B. Frankreich und Schweden die bessere Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bieten. Es besteht die Hoffnung, dass sich dieses in Deutschland baldmöglichst verbessern wird und sich dieses auch auf die Anerkennung der (Spitzen-)Wissenschaftlerinnen der internationalen Arena im 21. Jahrhundert positiv auswirkt.

Bibliographie

(1)    Wikipedia
(2)    Apotheker, J. and Sarkadi, L.S. (editors), European Women in Chemistry, Wiley-VCH Verlag & Co., KGaA (2011) (available on http://www.books.google.com/)
(3)    Stoltzenberg, D., Fritz Haber: Chemist, Nobel Laureate, German, Jew. Chemical Heritage Press, Philadelphia (2004) http://www.fhi-berlin.mpg.de/mp/friedrich/PDFs/ACh_Haber_44.3957.2005.pdf
(4)    BookRags Staff, Ida Tacke Noddack (2005) 8 Dec 2011. http://www.bookrags.com/biography/ida-tacke-noddack-woc/
(5)    "Christiane Nüsslein-Volhard - Autobiography". Nobelprize.org. 8 Dec 2011http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/1995/nusslein-volhard.html


Dieser Artikel wurde für Frauenmesse von Quirina Roode-Gutzmer geschrieben. Quirina ist eine Wissenschaftlerin (Diplom physikalische Chemie) und Deutsch zu Englisch Übersetzerin. Dirk Martin Stein, Anne de Grosbois, Christine Hartmann und Jens Gutzmer sind für das Korrektur lesen und redaktionelle Kommentar anerkannt.

Quirinas Übersetzungswebsite: Minerva Übersetzungen. (http://minervauebersetzungen.wordpress.com/)

Quirinas Blog für kreatives Schreiben: Der Himmel des Geistes. (http://themindssky.wordpress.com/)


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