Mai 19, 2012

5 Fragen an Aygül Özkan, Niedersächsische Ministerin für Soziales, Frauen, Familie, Gesundheit und Integration
hartmannzkan1. Frau Ministerin Özkan, Sie sind seit dem 27.04.2010 in Ihrem Amt als Sozialministerin. Welche Erfahrungen haben Sie im ersten Vierteljahr Ihrer Tätigkeit hier gemacht? Was sind die derzeitigen Arbeitsschwerpunkte?

Ich bin sehr gut in Niedersachsen angekommen. Besonders wichtig und interessant waren die zahlreichen Gespräche mit den Menschen vor Ort. Ich bin sehr viel in Niedersachsen unterwegs und komme dabei naturgemäß mit vielen Leuten in Kontakt. Zugleich haben wir bereits in den ersten 100 Tagen wichtige Strukturentscheidungen, zum Beispiel in der Gesundheits- und der Sozialpolitik, aber auch im Baubereich, getroffen.

Gewöhnen musste ich mich erst an die starke Beobachtung durch die Medien, aber ich verstehe auch das besondere Interesse. Denn ich möchte dazu beitragen, dass mein Lebensweg ein Stück Normalität in Deutschland wird.

2. Wenn ich mir die vielfältigen und durchaus heterogenen Bereiche Ihres Ministeriums ansehe (Soziales, Gleichberechtigung, Frauen, Familie, Bürgerschaftliches Engagement, Kinder & Jugendliche, Senioren, Bauen & Wohnen, Gesundheit, Arbeitsschutz), müssen Sie ein beachtliches Feld sozialer Themen bearbeiten. Gibt es dabei ein Ressort, das Sie besonders zur „Chefinnen-Sache“ ernannt haben?


Ich empfinde gerade die Vielfalt der Aufgaben als Bereicherung. Natürlich liegt mir aufgrund meiner eigenen Biographie besonders die Frage am Herzen, was wir tun können, um Menschen mit Migrationshintergrund noch besser zu integrieren. Hier sind beide Seiten gefordert. Unsere Gesellschaft muss sich stärker für Migrantinnen und Migranten öffnen, aber auch diese selbst sind gefordert. Wir müssen so früh wie möglich ansetzen, um schlechte Schul- und Ausbildungsleistungen zu verhindern. Die Sprache ist der Schlüssel. Deshalb appelliere ich an die Eltern, die Kinder in die KITA zu schicken, wie mein Vater es beispielsweise getan hat.

3.Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Amtszeit als Ministerin gesetzt?


Wir müssen Strategien entwickeln, wie wir auf den demographischen Wandel reagieren – und zwar in allen Politikfeldern. In der Gesundheitspolitik heißt das zum Beispiel, dass wir Sorge dafür tragen, dass Menschen auch außerhalb der Großstädte eine gute medizinische Versorgung haben. Gerade in einem Flächenland wie Niedersachsen setze ich auf sogenannte Gesundheitsregionen, in denen Krankenhäuser, Pflegedienste und niedergelassene Ärzte stärker zusammenarbeiten.
Wir brauchen passgenaue Angebote für alle Altersgruppen: Ich will, dass Kinder bei uns behütet aufwachsen, dass Jugendliche eine gute Perspektive haben und dass unsere Senioren in Würde alt werden können. Dafür muss die Politik den Rahmen schaffen.

Ein dritter Punkt, den ich in diesem Zusammenhang nennen möchte, ist das Ehrenamt. Wir brauchen dringend mehr Gemeinsinn und weniger Eigensinn.

4. Der Bereich „Frauen und Erwerbsleben“ ist immer wieder ein vielschichtiges Thema. Was möchten Sie Frauen, die einen beruflichen (Neu-)Anfang suchen, besonders empfehlen?


Aufgrund meiner eigenen beruflichen Erfahrung kann ich nur empfehlen, sich mit anderen Frauen zusammen zu schließen und auszutauschen. Netzwerken ist unglaublich wichtig für den beruflichen Erfolg. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Man kennt sich, man hilft sich, man unterstützt sich. Männer profitieren von diesem Verfahren schon lange, nun sind die Frauen gefordert, ihre eigenen spezifischen Netzwerkstrukturen zu bilden.

5.Sie setzen sich für die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund verstärkt ein – wie werten Sie in diesem Zusammenhang des durchaus kontrovers diskutierte Buch der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig? Ist es hilfreich für die Thematisierung von Integration oder sollte es eher als Buch zum Umgang mit Jugendkriminalität allgemein gelesen werden?


Es hilft uns in der Integrationsdebatte nicht weiter, wenn wir nur die Gegensätze betonen. Jugendkriminalität ist ein gesellschaftliches Problem, mit dessen Ursachen sich Polizei, Justiz und Politik noch mehr als bisher beschäftigen müssen. Aber im Bezug auf eine erfolgreiche Integration ist es wichtig, das Verbindende zu sehen. Besondere Bedeutung haben die Beiträge Einzelner. Gute Beispiele wirken doppelt, sie zeigen jungen Migranten, ihr könnt etwas erreichen, wenn ihr fleißig seid und euch bemüht.

Das Interview führte Christine Hartmann, frauenmesse.com mit Frau Aygül Özkan


Newsletter Abo


Mit den Newslettern von frauenmesse.com werden Sie per E-Mail auf dem Laufenden gehalten.

News + News + News

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4